Guten Vertriebsjob erkennen: die Warnsignale im Gespräch
Ein Vorstellungsgespräch im Vertrieb läuft in beide Richtungen. Während du bewertet wirst, kannst du mit fünf konkreten Fragen genauso gut das Unternehmen bewerten. Wer hier ausweicht oder vage bleibt, zeigt dir mehr über den Job als jede Hochglanz-Anzeige.
Wie viele im Team erreichen die Quote?
Diese Zahl sagt dir mehr über den Job als jede Beschreibung der Rolle. Erreichen 70 bis 80 Prozent des Teams regelmäßig ihre Ziele, ist die Quote realistisch gesetzt. Liegt die Zahl deutlich niedriger oder kann sie niemand nennen, ist entweder die Quote zu hoch angesetzt oder es fehlt an Struktur, um sie zu erreichen.
Frag konkret: “Von zehn Leuten im Team, wie viele haben im letzten Quartal die Quote erreicht?” Eine ehrliche Antwort mit Zahl ist ein gutes Zeichen, selbst wenn die Zahl nicht perfekt ist. Ein Ausweichen wie “das ist unterschiedlich” ohne weitere Erklärung ist es nicht.
Woher kommen die Leads?
Diese Frage entscheidet, ob du hauptsächlich verkaufst oder hauptsächlich selbst Pipeline aufbauen musst, bevor du überhaupt verkaufen kannst. Lass dir genau erklären, aus welcher Quelle die Leads kommen und in welcher Menge pro Woche.
| Quelle | Was das für dich bedeutet |
|---|---|
| Inbound über Marketing | Weniger Kaltakquise, dafür oft höherer Wettbewerb im Team um dieselben Leads |
| Outbound-Listen vom Unternehmen | Kaltakquise ist Teil des Jobs, die Qualität der Listen entscheidet über deinen Aufwand |
| Eigene Recherche und Netzwerk | Am meisten Aufwand für dich, aber auch am meisten Kontrolle über die Qualität |
| Bestandskunden und Empfehlungen | Planbarer, aber meist nur in etablierten Rollen relevant |
Kann dein Gesprächspartner die Quelle nicht konkret benennen oder wird vage (“da kommt schon was rein”), plane damit, dass du dir die Pipeline größtenteils selbst aufbauen musst.
Wie lange ist die Einarbeitung?
Eine realistische Einarbeitung im Vertrieb dauert selten unter vier Wochen, bei komplexeren Produkten eher zwei bis drei Monate. Wird dir gesagt, du bist “ab Tag zwei voll produktiv”, heißt das meistens, dass es kaum strukturierte Einarbeitung gibt und du dir alles selbst zusammensuchen musst.
Frag konkret nach dem Ablauf der ersten vier Wochen: Gibt es Produktschulung, Mitfahren bei erfahrenen Kollegen, ein erstes eigenes Gespräch mit Begleitung? Eine klare Antwort auf diese Frage zeigt dir, ob das Unternehmen Einarbeitung als Investition oder als Zeitverlust betrachtet.
Wie oft wurde das Provisionsmodell geändert?
Ein Provisionsmodell, das sich alle paar Monate ändert, vor allem kurz nachdem viele im Team ihre Ziele erreicht haben, ist ein Warnsignal. Es bedeutet oft, dass die Führung Provision als Kostenposten sieht, die man drückt, sobald sie zu hoch ausfällt, statt als Leistungsanreiz.
Frag direkt: “Wie oft hat sich das Modell in den letzten zwei Jahren verändert, und warum?” Eine Antwort wie “einmal, weil wir ein neues Produkt eingeführt haben” ist normal. Häufige, schwer erklärbare Änderungen sind es nicht.
Wie lange ist der Vorgänger geblieben?
Diese Frage wird oft übersprungen, sagt aber viel. Laut einer Studie der Bridge Group über SDR-Teams liegt die durchschnittliche jährliche Fluktuation bei rund 30 bis 34 Prozent. Liegt die Zahl in deinem Zielunternehmen deutlich darüber, oder hat die Stelle in den letzten zwei Jahren dreimal den Inhaber gewechselt, lohnt sich die Nachfrage nach dem Grund.
Eine ehrliche Antwort kann sein: “Die Vorgängerin ist intern aufgestiegen.” Eine Antwort, die das Thema abwürgt oder ausweicht, ist ein Zeichen dafür, dass der Grund unangenehm ist.
Die zwei Fragen hinter den fünf Fragen
Wenn du nur zwei Sätze im Gespräch unterbringen kannst, dann diese:
“Was macht jemand hier anders, der im ersten Jahr über Ziel liegt?” Eine konkrete Antwort (mehr Erstgespräche, saubere Discovery, konsequentes Nachfassen) zeigt, dass die Führung versteht, woran Erfolg hängt. Eine allgemeine Antwort (“Biss haben, dranbleiben”) zeigt, dass niemand es analysiert hat, und dann bist du auf dich gestellt.
“Wer bringt mir das bei, und wann hat diese Person zuletzt selbst verkauft?” Eine Führungskraft, die vor sechs Jahren zuletzt am Telefon war, kann dich nicht korrigieren. Das ist der häufigste Grund, warum Einsteiger im Vertrieb stagnieren, ohne zu wissen woran es liegt.
Was ein gutes Angebot ausmacht, jenseits vom Gehalt
Drei Dinge, die im ersten Jahr mehr wert sind als 5.000 Euro mehr auf dem Papier:
| Merkmal | Warum es zählt |
|---|---|
| Aufnahmen deiner eigenen Gespräche | Du siehst deine Fehler, statt sie zu wiederholen |
| Ein Produkt, das du in zwei Sätzen erklären kannst | Erklärungsnot am Telefon kostet mehr Deals als schlechte Technik |
| Ein Vorgesetzter, der mithört | Korrektur nach zwei Tagen statt nach zwei Quartalen |
Ein Job mit diesen drei Punkten und mittlerem Gehalt macht dich in zwei Jahren teurer als ein gut bezahlter Job ohne sie.
Die Warnsignale auf einen Blick
- Provision ohne Fixum, kombiniert mit einem langen Vorlauf bis zum ersten Abschluss
- Ständig wechselnde Ziele, ohne nachvollziehbaren Grund
- Keine klare Antwort auf die Quotenfrage, obwohl das eine der einfachsten Kennzahlen im Vertrieb ist
- Vage Angaben zur Lead-Quelle, die sich im Gespräch nicht konkretisieren lassen
- Häufiger Wechsel auf der Stelle, ohne dass jemand den Grund erklären will
Kein einzelnes Signal ist automatisch ein Ausschlusskriterium. Zwei oder mehr davon zusammen sind ein guter Grund, genauer nachzufragen, bevor du zusagst. Wie du dich generell auf ein Vertriebsgespräch vorbereitest, auch auf die Fragen, die dir gestellt werden, steht in unserem Beitrag zu Fragen im Vorstellungsgespräch im Vertrieb.
Was du selbst aus dem Gespräch mitnehmen solltest
Notiere dir direkt nach dem Gespräch, welche der fünf Fragen konkret beantwortet wurden und welche nicht. Bei mehreren Gesprächen mit unterschiedlichen Unternehmen verschwimmt sonst schnell, wer worauf wie reagiert hat.
Wenn du merkst, dass die Rolle viel Kaltakquise beinhaltet, lohnt sich vorab ein Blick in unseren Beitrag zu Cold Calling lernen, damit du im Gespräch selbst schon einschätzen kannst, ob die beschriebene Tätigkeit realistisch zu deinem Alltag passt. Bereite dich außerdem darauf vor, dass du selbst im Verkaufs-Test zeigen musst, was du kannst, das ist bei uns Teil des Prozesses und für dich kostenlos.
Häufige Fragen
Darf ich im Bewerbungsgespräch wirklich nach der Quotenerreichung fragen?
Ja, das ist eine legitime Frage, die zeigt, dass du dich ernsthaft mit der Rolle beschäftigst. Ein gutes Unternehmen hat diese Zahl parat oder sagt ehrlich, dass sie sie gerade aufbaut. Ausweichen oder Verärgerung über die Frage ist selbst schon ein Warnsignal.
Ist ein Job ohne Fixum immer schlecht?
Nicht automatisch, in manchen Branchen mit sehr hohen Provisionen ist das üblich. Problematisch wird es, wenn kein Fixum mit langen Vorlaufzeiten bis zum ersten Abschluss zusammenkommt, weil dir dann Monate ohne Einkommen drohen, während du noch Pipeline aufbaust.
Wie oft ist ein Wechsel im Provisionsmodell normal?
Anpassungen alle ein bis zwei Jahre sind normal, weil sich Produkt und Markt verändern. Häufigere Wechsel, vor allem kurz nachdem viele im Team ihre Ziele erreicht haben, sind ein Signal dafür, dass Provision eher als Kostenhebel behandelt wird als als Leistungsanreiz.
Woran erkenne ich, ob die Leads wirklich vorhanden sind, und nicht nur versprochen?
Frag nach der genauen Quelle, zum Beispiel Inbound über Marketing, Outbound-Listen oder Empfehlungen, und nach der Zahl pro Woche. Kann dein Gesprächspartner das nicht konkret beziffern, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du dir die Pipeline komplett selbst aufbauen musst.
Du willst in den Vertrieb, oder den nächsten Schritt?
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